Wasserstoff ist kein Thema

Wasserstoff ist kein Thema

Enercon aus Aurich stellt die Lkw-Flotte auf Elektro um

Von Aiko Recke in NOZ hier Lingener Tagespost vom 23. 11. 2025

Aurich Fast lautlos bewegt sich der 40-Tonner aus der Werkshalle in Sandhorst: Es ist ein anderes Fahren und am Anfang muss man sich erst einmal daran gewöhnen, sagt Holger Janßen. Seit 20 Jahren fährt er Lkw für Enercon, in der Regel dröhnende Diesel-Kolosse. Vergangene Woche ist Janßen erstmals einen Elektro-40-Tonner von Volvo gefahren, den der Auricher Windkraftanlagenhersteller jetzt neu in seinem Fuhrpark hat.
Am Dienstag stellte Enercon das Fahrzeug offiziell vor und sprach von einem „Startschuss für die Elektrifizierung der Lkw-Flotte“. Der Volvo FH Electric ist den Angaben zufolge der erste fernverkehrstaugliche E-Lkw der Auricher. Der Lkw mit einer Reichweite von 300 Kilometern soll künftig auch an einem eigens auf dem Firmengelände installierten 400 kW-Ladepunkt geladen werden.

Enercon will den Fuhrpark elektrifizieren: „Die Einführung dieses ersten E-Lkw ist ein wichtiger Meilenstein auf unserem Weg, die Transportlogistik schrittweise weiter zu elektrifizieren, um so einen Beitrag zur Emissionsreduktion in der Wertschöpfungskette zu leisten und gleichzeitig Kosten und Abhängigkeiten von fossilen Brennstoffen zu senken“, wird Hendrik Peterburs, Vice President der Enercon Global Logistics, in einer Mitteilung zitiert.
Als Unternehmen, das grüne Technologien herstelle, gehöre die Elektrifizierung zur Firmen-DNA. Die Begeisterung für das Projekt sei im Team entsprechend groß. Daher wurde der Elektro-Lkw auch feierlich mit Nebelschwaden, eigenem Kamerateam und Schlüsselübergabe enthüllt.

12.000 Transporte pro Jahr für Enercon: Insgesamt werden von der Enercon-Logistik-Abteilung mit ihren rund 250 Mitarbeitern 12.000 Transporte im Jahr organisiert, 380 Verschiffungen mit größeren Schiffen und 200 Binnenschiffstransporte. Der Entscheidung für die Elektrifizierung seien umfassende Analysen zu Fahrzeugmodellen, Ladeinfrastruktur, Energiebedarfen, CO2-Emissionen und Betriebskosten vorausgegangen. „Wir haben viele Hersteller und Strecken ausprobiert“, berichtete Fuhrparkleiter Tino Hülsmeyer.
Für den Volvo spreche, dass er seinen „Verbrenner-Brüdern“ sehr ähnlich sei. „Das sorgt für eine hohe Akzeptanz bei den Fahrern.“ Gleichwohl: Oberstes Ziel sei die Sicherstellung effizienter Logistikabläufe, die die Ladezeit und Ladepunkte berücksichtigen. Bei Tests habe man Reichweiten von 350 bis 370 Kilometern geschafft. Eingesetzt werden soll der Elektro-Lkw vor allem im Vorlauf zu Seehafen-Transporten, also auf den Strecken Aurich-Emden und Aurich-Bremen.

40 Tonnen CO pro Jahr sollen eingespart werden: Bei einer Aufnahmekapazität von 250 kWh benötigt ein Ladevorgang auf 80 Prozent rund eine Stunde, heißt es. Durch den Einsatz des E-Trucks wird eine jährliche Einsparung von mehr als 40 Tonnen CO2 erwartet – zumindest dann, wenn der Lkw mit Strom aus erneuerbaren Energien geladen wird. „Da, wo es möglich ist, werden wir auf den elektrischen Antrieb wechseln. Mit einer schrittweisen Umstellung der Flotte möchten wir sicherstellen, dass unsere Nutzungserfahrung und die technischen Weiterentwicklungen am Fahrzeugmarkt Eingang in die Erneuerung unseres Lkw-Fuhrparks finden“, so Peterburs.
Enercon hat acht eigene „Standard-Lkw“ – und 16 weitere Schwerlast-Lkw. Zumindest die acht „normalen“ Lkw sollen schrittweise durch Elektromodelle ersetzt werden. Allerdings greift die Lkw-Logistik auch in großem Umfang auf andere Firmen zurück. „Abseits unserer eigenen Flotten loten wir auch neue Partnerschaften aus – etwa mit Speditionen, die ebenfalls auf Elektro setzen“, so Hendrik Peterburs.

Foto: Archiv Bernd Robben

Volvo will komplett auf Elektro umstellen: Volvo Trucks ist nach Angaben von Matthias Henning Pionier und Marktführer bei den Elektroantrieben – und seit nunmehr drei Jahren in der Serienproduktion. „Wir haben schon mehrere Winter überstanden“, so Henning. Insbesondere die Batterietechnik verbessere sich ständig, schon bald wolle man ein Modell mit 500 bis 600 Kilometern Reichweite vorstellen. Im Jahr 2050 soll kein Volvo mehr CO2 ausstoßen, so der ambitionierte Plan.
Man sei dankbar über Firmen wie Enercon, die sich für Elektro-Lkw interessieren. Denn die Rahmenbedingungen seien noch immer nicht ideal. So sei es bisweilen langwierig, leistungsstarke Stromanschlüsse für Ladestationen in Industriegebieten genehmigt und gebaut zu bekommen. Aber war in den vergangenen Jahren nicht immer davon die Rede, dass Wasserstoffantriebe für Lkw die bessere Alternative seien? Der Volvo Trucks-Mann Henning winkt ab. Wasserstoff sei noch viel zu kompliziert und teuer.

Enercon hat jahrelang Modelle getestet: Gekauft hat Enercon den Truck über die Firma A+T Nutzfahrzeuge aus Garrel. Fast vier Jahre lang habe man mit Enercon unterschiedliche Elektro-Lkw getestet, Veranstaltungen besucht und alle technischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Aspekte intensiv beleuchtet, berichtete Verkaufsberater Arthur Kasperczyk. „Es freut uns, heute das Ergebnis dieser engen Zusammenarbeit zu sehen“, ergänzte A+T-Vertriebsleiter Michael Schaub.
Den genauen Preis für den Lkw mochte auf Nachfrage keiner der Beteiligten nennen. Nur so viel: Die Elektro-Variante sei in der Regel zweieinhalb mal so teuer wie der normale Diesel. Allerdings ist der E-Truck dafür von den Steuern und der Autobahnmaut befreit. Die Anfangsinvestition, auch in die Ladestation, sei relativ hoch. Doch sie rechne sich im Laufe der Zeit, sind die Enercon-Logistiker überzeugt. Die Ladesäule auf dem Werksgelände könne übrigens auch von anderen interessierten Firmen genutzt werden, heißt es.

Erste Tour von Aurich nach Magdeburg: Doch hatte Enercon nicht früher massiv auf den Transport per Bahn gesetzt? Ja, sagt Hendrik Peterburs, doch mittlerweile seien viele Bauteile einfach zu groß dafür. Bei kleineren Bauteilen prüfe man aber immer noch den Transport per Zug. Und am Bahnanschluss halte man daher fest – auch wenn nur noch wenige Güterzüge mit Enercon-Material fahren. Aber noch einmal zurück zu Lkw-Fahrer Holger Janßen: Er ist bereits mit dem E-Truck das erste Mal eine längere Strecke, zum Enercon-Werk in Magdeburg gefahren. Schon auf den bisherigen Wegen habe er viele interessierte, neugierige Blicke bemerkt. Und beim Fahren merke er, dass er stärker auf eine sparsame Fahrweise achte, um die Reichweite möglichst hoch zu halten. Sein Fazit: „Man fährt im Endeffekt entspannter.“
Dieser Artikel erschien zuvor in den „Ostfriesischen Nachrichten“.