Stromerzeugung auf dem Hof Schweer in Spelle

Die erste Stromerzeugung in Gleichstrom entstand im Jahre 1921 in der Molkerei der Firma Brüne. So steht es in dem „Speller“ Buch von Helmut Boyer.

Aber schon kurz nach Ende das II. Weltkrieges wurde auf demHof Schweer in Spelle elektrischer Strom erzeugt.

Auf einer Holzkonstruktion, bestehend aus vier runden Holzstützen, war in etwa 14 m Höhe eine Windturbine montiert. Die teergetränkten Holzmasten entstanden aus Beständen der VEW.

Das Windrad mit einem Durchmesser von etwa 3,60 m war in amerikanischer Bauweise gefertigt worden.

Durch die Anordnung mehrerer schräg gestellter Leitbleche erreichte das Windrad schon bei wenig Wind ein hohes Drehmoment und dadurch bedingt eine gute Leistung. Über einen angebauten Generator wurde Gleichstrom erzeugt. Damit auch bei Windflaute Strom zur Verfügung stand, wurde dieser in mehreren gebrauchten Fahrzeugbatterien gespeichert.

Über 2 Kupferdrähte mit einem Durchmesser von etwa 6 mm wurde der Strom von der Werkstatt („Timmerbude“) in das gegenüberliegende Wohnhaus mit Stallungen geleitet. Eine 24 Volt Birne erleuchtete sowohl die Küche als auch den Dielenbereich. Sie hatte die Form und Größe einer heutigen, normalen Haushaltsglühbirne. Somit hatte man auch in der Dunkelheit Licht beim Melken und Füttern der Tiere.

Es war damals sicherlich eine enorme Erleichterung. Wegen Baufälligkeit erfolgte später ein Rückbau der alten Windturbine an der „Schapener“ Straße.

Mittlerweile gab es schon längst Wechselstrom, der von der VEW geliefert wurde. Anton und Sohn Werner Schweer erbauten in den achtziger Jahre das noch funktionierende Windrad wieder in geringer Höhe auf. Diese Anlage läuft noch heute.

Die Technik der alten Windturbine

Der Generator war eine gebrauchte Lichtmaschine aus einem alten Kanalschiff.

Der langsam laufende Dieselmotor benötigte einen Generator, der schon bei 300 Umdrehungen/Minute gute Leistung für die elektrische Erzeugung an Bord brachte. Dadurch wurde der Bau eines Getriebes zur Erhöhung der Drehzahl  in nur 2 Stufen begünstigt. Das brachte der kleinen Windturbine nur einen geringen Kraftverlust. Nur eine optimale Abstimmung des Getriebes erzeugte eine gute elektrische Leistung. Ist die Übersetzung zu groß, zündet der Generator zu spät und „würgt“ das Windrad ab. Umgekehrt entsteht nur wenig elektrische Leistung trotz starkem Wind. Um die Windkraftanlage bei Sturm vor Überlastung zu schützen, drehte sich das Windrad durch ein quer montiertes Leitwerk selbst aus dem Wind. Eine einfache, aber gut funktionierende Lösung.

Elektrische Problemstellung

Um bei längerer Windflaute genügend Strom liefern zu können, kaufte unser Vater bei Firma „Westfalia“ in Hagen eine kleine Solarplatte in der Größe von etwa 0,3 m², die 12 Volt erzeugte. Die Solarplatte wurde an der Außenwand der Werkstatt (Timmerbude) montiert. Dadurch konnten  die Batterien auch bei Windstille aufgeladen werden. Die Batterieanlage (24Volt) und das alte Stromnetz sind noch heute im Einsatz. So saßen wir auch bei späteren Stromausfällen nicht im Dunkeln. 

Dank gilt der Firma Ludwig Klaps, Bosch Dienst in Rheine, für die Unterstützung und Beschaffung von elektrischen Bauteilen. Spezielle Teile waren damals nur schwer zu bekommen.

Dank gilt auch dem Elektriker Andreas Holterhus, Spelle, der meinen Vater bei der Netzbautechnik unterstütze. 

Anton Schweer – Tüftler und Holzschuhträger

Unser Vater war neben seinem Beruf als Maurer, Landwirt und ehrenamtlicher Organist (54 Jahre lang) ein leidenschaftlicher Tüftler. Er hat später sogar einen Dampfkessel aufgebaut, der eine Turbine antrieb. Der alte Kanonenofen in seiner „Timmerbude“ sorgte mit einer Mischung aus Sägemehl und Altöl für die nötige Wärme im Winter. 

Er war überzeugter Holzschuhträger. An Werktagen sah man ihn bis zu seinem Lebensende nur in Holzschuhen laufen.  Nur an Sonntagen und während des Orgelspiels in der St. Johannes Pfarrkirche trug er Lederschuhe.     

Mutprobe mit glücklichem Ausgang

Mit einer Mutprobe brachte ich  im Kleinkind Alter unsere Mutter fast zum Zusammenbruch. Heimlich war ich über die einzelnen Leitern bis auf die Spitze der Windturbine geklettert und habe wohl den herrlichen Rundblick über Wiesen und Felder genossen. Als meine Mutter mich oben auf der Turbine entdeckte, bekam sie wohl den größten Schreck ihres Lebens. Wie sie später sagte, sei sie mir voller Angst nachgeklettert und habe mich wieder nach unten gebracht. Da sie nicht schwindelfrei war, haben ihr auf dem Erdboden angelangt, die Beine gezittert. Als Folge dieser Aktion hat mein Vater dann Sprossen der untersten Leiter entfernt.

Wiederaufbau der alten Windturbine in originaler Größe

Als langjähriger Vorsitzender des Heimatvereins Spelle könnte ich mir gut einen Wiederaufbau in originaler Größe vorstellen. Es wäre ein Beitrag zur Erinnerung an die Anfänge kurz nach dem Kriegsende und  ein sichtbares Denkmal der „Speller“ Geschichte. Das enorme Wachstum zu einer heute florierenden Industriegemeinde konnte sich damals bestimmt niemand vorstellen.

Das Foto zeigt im Hintergrund die Hofstelle mit der alten Windturbine. Auf der Baustelle sitzen: vl. Vater Anton Schweer, die Söhne Herbert und Walter, Mutter Martha Schweer und Cousin Heinz Gebauer.

Stand 11. April 2019 – Herbert Schweer

( Nach Rücksprache und Abstimmung mit Bruder Werner Schweer und Bernard Diekmännken, Spelle)